Donnerstag, 6. April bis Dienstag, 11. April
Um das Kloster der
Kapuziner in Lentini, in dem
Julian von Lentini lebte, wurde wie bei den
meisten dieses Ordens hier der Friedhof angelegt; und wieder bestaune ich fassungslos die Grabpaläste …
Warum ich in den Gassen von Lentini die Kirche San
Giovanni suche, weiß ich nun selbst nicht mehr - aber ich habe sie gefunden: das Gebäude links!
Jedenfalls sehe ich dadurch wieder einmal, wie es dort aussieht, wo nicht jeder hinkommt. Wie schreibt mein Reiseführer so
treffend? 1
Der Gast könnte die manchmal gar nicht schöne Aussicht
als Anstoß nehmen, auch einmal über die bittere soziale und politische Realität nachzudenken.
Gesucht und gefunden: die Kirche Dei Tre Santi,
angeblich der Stelle, an der die Leichname von Alphius,
Cyrinus und
Philadelphius in eine Grube geworfen wurden, an
der dann eine Quelle entsprang. Leider sehe ich das Glasfenster nur von außen.
In der Mutterkirche Santa Maria La Cave - früher
auch Kathedrale - werden die drei heute verehrt. Dort findet sich auch dieses (Weih-?) Wasserbecken aus dem 13. Jarhundert mit
Darstellungen der Monate von Mai bis Dezember.
Die Mutterkirche ist das Hauptheiligtum für die drei Märtyrer von Lentini, aus deren Legende auch die Geschichten von
Chariton von Lentini,
Isidora,
Thecla und
Justina sowie
Epiphania und
Euthalia von Lentini stammen.
In der Mutterkirche fand ich auch eine Aufstellung der Einnahmen und Ausgaben der Gemeinde: knapp 50.000 € im Jahr 2016,
davon gut 11.000 € aus Immobilienbesitz, 11.000 € Spenden und gut 10.000 € Opfer bei regulären Messen; der größte
Ausgabenposten war die Gebäudeunterhaltung mit 13.000 € - Gehälter werden vom Bistum bezahlt.
Von der alten Kathedrale -
Lucian von Lentini,
Neophytus von Lentini und
Rhodippus von Leontinum waren angeblich
die ersten Bischöfe, aber auch diese Überlieferung stammt aus der Legende der drei Märtyrer - sind nur kümmerliche Reste
erhalten; von ihrer erhöhten Stelle ergibt sich ein Blick in die Gassen des ehemaligen Judenviertels. Auch
Agatho von Lipari habe hier als Bischof und
Calogerus von Sizilien als Glaubensbote
gewirkt.
Thecla geweiht wurde 2002 die
moderne Kirche im nahen Carlentini. Über Geschmack
soll man nicht streiten!
In Sortino wird die legendarische
Sophia von Sortino als Patronin verehrt.
Auch wenn nicht mehr sehr aktuell: Programm und ihre Darstellung auf dem aushängenden Plakat zeige, was die Leute lieben:
königlichen Glanz und ausführliches Feiern.
Eine uralte Wohnstätte ist Pantalica, besiedelt
in den Höhlen schon in vorgeschichtlicher Zeit, dann Nekropole, dann auch noch von Christen bis ins 5./6. Jahrhundert n. Chr.
als Behausung genutzt, auch als Zufluchtsort vor Verfolgungen, auch zeitweise Wohnstätte von
Sophia von Sortino.
Es ist eine enge Schlucht mit Seitenschlucht, die den weitläufigen Komplex bildet und deren Felsen von unzähligen Wohn- und
Grabhöhlen durchlöchert sind. Pantalica war unter dem Namen Hybla auch die Hauptstadt der Sikuler, der Urbevölkerung
Siziliens, die dann ab dem 8. Jahrhundert
v. Chr. von Einwanderern aus Griechenland verdrängt bzw. assimiliert wurde,
Die Landschaft - Nationalpark, gesperrt für Autos - ist großartig …
… und im Früjahr sprießen die Blumen.
Auch eine Höhlenkirche ist erhalten …
… und dieses zur Tropfsteinhöhle gewordene Loch.
Über Ferla, wo
Matthäus von Ferla im Kloster lebte, geht
es nun nach Palazzolo Acreide, zuerst in die
Mutterkirche, die offen ist, weil auch hier die
Karwoche vorbereitet wird; die Damen wollen
gerade gehen, meinen aber, sie würden gerne warten, bis ich alles gesehen habe - viel ist es nicht. Man hat hier wenig Geld,
aber viel Zeit.
Ebenso ergeht es mir gegenüber in der Kirche San
Paolo, die das Grab von Hieronyma Scalzo
enthalte - leider Fehlanzeige.
Fehlanzeige auch bei der Suche nach der Kirche der
Franziskaner; diese -
San Antonio Abate -
ist es nicht; es gab hier gar kein Franziskanerkloster,
Paulus
der Gute
von Palazzolo war
offenbar Tertiar der Kapuziner, deren
Kirche finde ich jetzt nachträglich.
In beiden Fällen zeigt sich wieder einmal, dass die Recherche vor Ort unersetzlich ist.
Weil es am Weg liegt und ich bei meinem ersten Besuch damals noch nichts von
Nikolaus von Arco wusste, besuche ich nocheinmal
Noto, die Zisterzienserkirche. Und, oh Wunder:
ich kann durch die engen Gassen bis direkt vor die Kirche fahren - samt Parkplatz!
Daneben ist ein schöner Palast, den muss man fotografieren. Und auf der Suche nach seinem Namen entdecke ich: es ist das
Rathaus und ich bin mitten im Zentrum!
Also auf in die Kathedrale, deren Tür sie mir ja
beim ersten Besuch sozusagen vor der Nase geschlossen
hatten. Viel schöner als im Januar strahlt sie jetzt goldgelb in der Abendsonne …
… ich kann die Kapelle für Konrad
Confalonieri von Piacenza
doch noch sehen …
… und auch das Rathaus nocheinmal von vorn, aber viel leuchtender als damals, fotografieren.
Aus der engen Stadt heraus herrscht dann der Feierabendverkehr - großes Chaos. Ich nehme es gelassen: nach meiner Krise
habe ich mich assimiliert, deutsche Aufregung hilft nicht; ich bin angekommen - das ist der Sinn des Reisens!
Am Abend komme ich auf den Campingplatz bei Avola -
auch er ganz neu, aber in der Natur eingebettet, mit nettem Besitzer, einfach, aber sauber.
Radio Vatikan meldet: Mit Sorge sehen Kirchenvertreter in Syrien den Kurswechsel der USA in der Syrienpolitik unter
Präsident Trump. Nach dem US-Angriff auf den syrischen Militärstützpunkt, bei dem auch Zivilisten starben, sieht der
Franziskaner und katholische Bischof von
Aleppo / Halab neue und beunruhigende
Schauplätze für uns alle eröffnet
. Besonders befremdend
sei die Schnelligkeit, mit der diese militärische
Operation beschlossen und umgesetzt wurde, ohne dass vorher angemessene Ermittlungen zu dem tragischen Angriff mit Giftgas
stattfinden konnten
, so der Bischof. Nach dem jüngsten Militärschlag der USA gegen das syrische Regime gab die
US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen jetzt bekannt, die USA strebten einen - so wörtlich - Regime-Wechsel in Syrien an.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, rief dazu auf, die Spirale der Gewalt zu
durchbrechen: Wann endlich hört das auf? Wann wird den Kriegsherren endlich klargemacht: Es reicht! Wann werden die
Waffenlieferungen in diese Gebiete beendet?
Der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge sagte, der US-Militärschlag
beruhe auf keinerlei erkennbarer Strategie
.
An die 1000 US-Militärbasen gibt es weltweit (=> Liste
von Militärbasen der Vereinigten Staaten im Ausland). Russland hat 25 (außer in den GUS-Staaten in Vietnam und Syrien).
Russland wird als bedrohlich
bezeichnet, die USA nicht.
Nach einem Tag Arbeit auf dem Campingplatz fahre ich
nach Siiracusa, der alten griechischen Kolonie, wichtigen Handelsstadt Stadt des Geistes - Archimedes lebte und rechnete hier
- und zeitweise sogar Hauptstadt des byzantinischen Reiches, seit 2005 UNESCO-Weltkulturerbe, wo mich der
alte Hafen empfängt. Hier kamen einst auch
Antonius von Äthiopien,
Paulus und
Sophia von Sortino an; heute ist das v. a.
der Jachthafen und man sieht schon hier, dass in der Stadt der Tourismus blüht.
Die Porta Marina aus dem 15. Jahrhundert, geschmückt
mit arabischen Ornamenten, ist der Eingang in die auf einer Insel liegenden Altstadt - verbunden mit dem Festland durch zwei
Brücken.
Im Dom, wo neben
Paulus als Gründer der Kirche der Stadt,
Lucia als ihre Patronin und
Markianos als ihr erster Bischof verehrt
werden, steht diese Kanzel, gegründet auf einem Löwen!
Sophronius von Syrakusai und
Zosimus von Syrakus waren hier Bischöfe.
Auch hier: Reliquien eines
KatakombenheiligenKatakombenheilige sind als heilig verehrt Gebeine vor allem in den deutschsprachigen Gebieten nördlich der Alpen, die aus Katakomben in Rom stammen, von denen man oft nicht den Namen des Verstorbenen kennt und keinesfalls seine Lebensgeschichte. Besonders nach der Reformation, in der katholische Kirchen oft ihrer Reliquien beraubt worden waren, wurden als Ersatz in Rom die Gebeine Tausender erhoben; ihnen wurde ein Name zugeordnet und oft auch eine Geschichte, (nicht nur) bei bekanntem Namen oft die Geschichte eines tatsächlichen Heiligen.,
eines
Victor
aus den Katakomben des Callistus
in Rom.
Von Lucia kann man in einem kleinen Museum über sie im
Dom ihr Kleid und diese ihre Schhe sehen. Garantiert
echt!
Der Dom als solcher wurde - wie üblich - an der
Stelle des alten griechischen Athena-Tempels errichtet; besonders an ihm ist aber, dass dabei die Säulen des alten Tempels
erhalten blieben und einbezogen wurden.
Vor dem Dom findet eine Feier zur Vereidigung und
Beförderung von Polizisten statt - dabei werden die Namen aller Autoritäten vom Staatspräsidenten bis hinab zum Gruppenleiter
aufgerufen, es geht zackig zu, der Säbel wird geschwungen - außer ein paar Touristen interessiert das aber niemanden …
… auch nicht im daneben stehenden Rathaus.
Im Benediktinerkloster
Santa Lucia alla Badia waren
Gordianus Mönch und
Clemens von Siracusa sowie
Faustus,
Gordianus und
Zosimus von Syrakus Äbte. Daneben, im
ehemaligen Benediktinerinnenkloster Santa Maria di
Montevergini, war Seraphina „Cajetana”
Äbtissin.
keine Augenweide: die ehemalige Kirche der
Dominikaner; sie wird renoviert, Baubeginn 2006, geplantes
Ende 2008, bis heute aber nicht fertig.
Ebenso wenig ansehnlich: die Kirche San Giuseppe;
ihr Vorgängerbau war dem Märtyrer Fantius geweiht.
So ist es auch hier wie meist: abseits des Zentrums und der Touristenströme gibt es viel Verfall.
Schön: die engen Gassen, zu eng selbst für kleine Autos und deshalb angenehm stressfei zu begehen.
Das ehemalige Kloster der
Augustiner liegt am anderen Ende der Halbinsel, die die
Altstadt bildet.
Im Innenhof: dieser Brunnen. Dass die Halbinsel Wasser und somit Brunnen hat, hat ihre Besiedelung erst möglich gemacht.
Gegenüber stand die Kirche Kirche San Giuseppe
ante Portam Latinam, wo Lucia als Tertiarin der
Kapuziner lebte.
Vorbei an der Franziskanerkirche dell'Immacolata,
wo im damaligen Andreasklosterder der Benediktiner
Maximianus von Syrakusai Abt war,
komme ich an den Artemis-Brunnen, gewidmet der
Göttin der Jagd, des Waldes, des Mondes und der Hüterin der Frauen und Kinder. Hier pulsieren wieder Touristenmassen, Fotos
sind Pflicht …
… und allerlei Geschäfte winken, hier vor der Kirche
der Jesuiten.
Vor dem Rathaus zu erkennen: die Stadt hat sich
jetzt mit Touristen gefüllt.
Unverkennbar aus der spanischen Zeit: ein mit Keramik verkleidertes Haus mit Kapelle.
Der Rundgang auf der Insel Ortega, der
Insel der Wachteln
, auf der die Altstadt liegt, war erstaunlich schnell zuende, jetzt geht es vor die Stadtmauern
in die neuen Viertel. Im Kapuzinerkloster lebten
Ludwig von Nethino,
Raphael von Malta.
Über dem Grab von Lucia von Syrakus, das in den Katakomben unter der
Basilika Santa Lucia al Sepolcro liegt, wurde ihr
im 18. Jahrhundert diese Grabeskirche gebaut - schwer zu fotografieren, da ihr Fundament weit unter dem heutigen Bodenniveau
liegt.
Die Basilika Santa Lucia al Sepolcro selbst hat
innen wenig zu bieten. Robert von Siracusa
war hier möglcherweise Abt.
Die Kirche San Giovanni, ebenfalls weit vor der
alten Stadt, war der frühere Bischofssitz.
Chrestus von Syrakusai,
Eulalius von Syrakusai - der
Fulgentius von Ruspe beherbergte -,
Johannes von Syrakusai und
Maximianus von Syrakusai waren hier
Bischöfe; der angeblich erste, Markianos,
ist legendär. Die Katakomben hier sind leider unzugänglich; in Syrakusai starben der Überlieferung zufolge die Märtyrer
Benignus und Evagrius,
Evodius und Geschwister,
Fantius und Deodata, die
Märtyrer von Syracus sowie
Rufinus und Martia.
Unweit davon steht das riesige Betonmonster - 74,5 m hoch, Innendurchmesser 71,4 m, Platz für 11.000 Besucher - des
Santuario Madonna delle Lacrime; darin wird im
Obergeschoss die Marienstatue verehrt, die ursprünglich
in einem Haus einfacher Leute stand und vom 29.
August bis 1. September 1953 weinte. 1966 wurde mit dem Bau begonnen, 1994 (!) war er fertig und wurde von Papst
Johannes Paul II. geweiht. Im Untergeschoss
ist das Reliquiar mit den aufgefangenen Tränen.
Das Haus und das Ehepaar, dem die Erscheinung zuteil wurde.
Auf die Halbinsel Plemmirio - damals noch
eine richtige Insel - flüchtete Markianos
von Syrakusai. Heute, Samstag und schönes Wetter, liegen erste Sonnenhungrige in der windgeschützten Bucht - ins Wasser
traut sich bei 16° noch keiner.
Von hier hat man den Blick ans andere Ende der großen Bucht von Siracusa auf die Insel Ortega mit der Altstadt, alles
überragt vom Santuario Madonna delle Lacrime.
In der Franziskanerkirche
Santa Maria del Gesù in Avola wird
Antonius von Äthiopien verehrt. Sie ist
geöffnet, weil Mütter mit Kindern eine Aufführung für den morgigen
Palmsonntag proben.
Dasselbe Glück habe ich in der Kirche Santa Venera,
in der Antonius getauft wurde.
Das war's mit Sizilien. Noch zwei
tage schreiben und einen Tag Hausarbeit
, dann geht's am Mittwoch nach Malta, genau 3 Monate nach dem Aufbruch in
Stuttgart und nach gut sieben Wochen Rundreise -
doppelt so lange, wie ich ursprünglich vorgesehen hatte - aber es gibt ja auch 146 neue Biografien im
Ökumenischen Heiligenlexikon, von denen ich vorher noch nichts wusste.
Sizilien ist herb, deftig, schön, fruchtbar, freundlich, chaotisch, arm, charmant, auf Dauer gewöhnungsbedürftig - und
ich habe das Gefühl, mich inzwischen gewöhnt zu haben. Goethe schrieb: Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der
Seele: hier ist erst der Schlüssel zu allem.
2
1 Daniela Schetar, Friedrich Köthe: Sizilien, 7. Aufl. Reise Know-How Verlag, Bielefeld 2010 - empfehlenswert!
2 Goethe: Italienische Reise. Hg. von Herbert von Einem, 3. Aufl. der Sonderausgabe. C. H. Beck, München 1985, S. 253
Tracks
Avola
geschrieben am 7. und 9. und 10. April 2017